Interview: Mode, Shopping und Körperbehinderung

Heute möchte ich mich mit einem besonderen Problem befassen. Meine Freundin X. ist von Geburt an Körperbehindert. Früher konnte sie mit Krücken gehen, heute sitzt sie im Rollstuhl. Sie ist eine bewundernswerte Person, die das Beste aus allem macht, aber wie sieht es für sie mit Mode und Shopping aus? X. hat sich bereit erklärt, für diesen Beitrag mit mir über dieses Thema zu sprechen, auch ihr Verlobter Y. ist dabei.

Gnomette: Du hast sicher größere Schwierigkeiten beim Einkaufen von Kleidung generell?

X.: Die eine Seite ist schnell abgehandelt: bei kleinen Geschäften komm ich oft nicht einmal durch die Tür, oder es ist drinnen so eng, dass ich eh gar keinen Platz habe. In großen Läden ist mehr Platz, aber ich kenne keinen einzigen Laden wo ich gut etwas anprobieren kann, außer Jacken, das geht schon. Die Sache ist, dass ich einfach mehr Platz brauche, außerdem brauch ich wesentlich länger als andere. Ich frage also immer, ob es in Ordnung ist, dass ich die Sachen mit nach Hause nehme zum Probieren und gegebenenfalls dann zurückbringen kann. Daher nehme ich die Sachen auch eher größer, weil ich jedesmal, wenn etwas nicht passt, in den Laden zurück muss.

G.: Und die Läden sind da generell kooperativ?

X.: Ja, schon. Bis jetzt hatte ich noch nie Probleme. Aber es ist trotzdem mühsam, wenn auch nur ein Teil zu groß/zu klein ist fahre ich wieder quer durch Wien.

G.: Was ja bei Dir auch viel aufwendiger ist. Und das Verkaufspersonal? Welche Erfahrungen hast Du da gemacht?

X.: Das ist sehr individuell, wenn VerkäuferInnen noch nie mit Rollstuhlfahrern zu tun hatten, merkst Du schon, dass sie komplett überfordert sind. Was mir sehr oft passiert, und was ich lustig finde, ist dass VerkäuferInnen oft die Größe, die ich brauche, viel kleiner einschätzen. Man sieht es einfach nicht. Das Problem ist eher, dass sie zu sehr helfen wollen. Jacken kann ich ja schon im Laden anprobieren, ich hab da, wie jeder Rollstuhlfahrer, meine eigene Technik. Ich zieh die immer allein an, ich muss das ja zu Hause auch können. Da wollen die meisten helfen, aber das macht es für mich sogar eigentlich schwieriger. Generell ist aber bei Bekleidung oft die Passform ein Problem. Das hab ich auch von anderen RollstuhlfahrerInnen schon gehört, dass die Arme und Schultern immer zu eng sind. Und jedes Teil ist hinten zu kurz – durch das Sitzen rutscht alles mit normaler Länge hinten und vorne bei mir hinten hoch, und vorne ist es zu lang.

Die Kleidung müßte halt auch generell viel robuster sein – ich dehne alles viel mehr beim An- und Ausziehen und eben dadurch, dass alles hinten zu kurz ist, ziehe ich hinten ständig alles hinunter und es entstehen sehr schnell so kleine Löcher und die Sachen leiern aus.

G.: Ah, siehst Du, daran hab ich gar nicht gedacht. Eine andere Frage: gibt es eigentlich  Marken, die sich auf solche Bedürfnisse spezialisiert haben?

X.: Also, ich hab es noch nicht ausprobiert, aber ich weiß, es gibt online eine Marke die für Rollstuhlfahrer in Österreich Kleidung machen, aber ich weiß jetzt weder den Namen noch kann ich was näheres dazu sagen. (Anm. Gnomette: ich hab das recherchiert, es handelt sich um www.knallbunt.co.at mit Sitz in Graz; Shops gibt es nur in der Steiermark, aber Bestellung online ist möglich. Die Auswahl an fertigen Sachen ist nicht besonders groß, es wird aber Maßschneiderei bzw. Maßkonfektion angeboten)Was mir sonst noch zu Mode einfällt, ist dass viele Sachen für Rollstuhlfahrer völlig unsinnig sind. Zum Beispiel Muster oder tolle Schnittführungen am Popo oder an der Hüfte sieht niemand, das ist also völlig unnötig.

Y. (deutet auf die Ärmel): Und die Ärmel gehören auch auf der Innenseite verstärkt, durch das Rollern wird das immer sehr schnell abgewetzt.

X.: Ich bin auch immer ganz naß im Winter, weil ich ja immer die nassen Räder weiterbewegen, und die Nähte auf der Innenseite gehen sehr schnell auf.

Y.: Und dazu kommt das Salz. Wir kaufen jedes Jahr neue Handschuhe, das Streusalz macht alles sehr schnell kaputt.

X.: Das geht auch auf meine Haut. Ich merke es dann auch im Gesicht, da kannst Du so oft Hände waschen wie du willst, dann fahr ich mir mit den Händen übers Gesicht, und am Abend krieg ich dann mit, dass ich überall brennende Punkterl hab, weil das Salz von den Händen im Gesicht hab. Da fällt mir noch ein: bei Handschuhen zum Beispiel ist das lustige, ich weiß nicht, ob das bei männlichen Rollstuhlfahrern auch so ist, aber bei weiblichen, von der Länge her brauche ich Medium, von der Breite her Large. Sie sind mir also an den Fingern immer zu lang. Ich hab jetzt zwar Handschuhe gefunden, die wirklich gut sind, weil sie sich durch das Material gut anpassen, aber das hat Jahre gedauert.

G.: Hast Du ein Lieblingsgeschäft in Wien?

X.: Nein, eigentlich nicht. Meistens geh ich ins Donauzentrum, da weiß ich, ich komm überall rein, und ich hab eine verhältnismäßig große Auswahl an Geschäften. Auch aus der Einfachheit heraus, weil ich eben weiß, es gibt viele Geschäfte.

G.: Und wie ist es mit Online-Shopping? Hast Du online schon versucht, was zu kaufen, funktioniert das?

X. (lacht): Ja, hab ich versucht, aber ich hab glaub ich tatsächlich alles zurückgeschickt. Eben, weil bei den Oberarmen und Schultern alles viel zu eng war oder beim Rücken viel zu kurz. Geht also eher nicht gut.

G.: Hast Du ein Lieblingsteil, das Du immer wieder gerne anziehst?

X. (lacht): Ich liebe meinen Poncho! Zuerst hab ich nie Ponchos getragen, weil ich gedacht habe, das ist blöd mit den Reifen,  jetzt hab ich aber einen, der ist so toll, da kann ich mich hinten draufsetzen und hab die volle Armfreiheit.

G.: Tust Du Dir vielleicht bei Accessoires leichter, also Schuhe, Taschen, etc.?

X.: Also Schuhe definitiv, aber einfach von dem her, ich kauf immer eine Nummer größer, dadurch, dass ich nicht gehe, ist das vollkommen wurscht. Lustig ist, dass ich Schuhe habe, die ich seit vier, fünf Jahren jeden Tag trage, und die Sohle ist praktisch wie neu, als hätt ich sie letzte Woche gekauft. Das hör ich sehr oft. Mit Accessoires tu ich mir generell eher schwer, ich hab schon einige Male Ketterl bekommen (deutet auf den Arm) und keines hat länger als eine Woche gehalten, die bleiben in den Reifen hängen. Die sind alle gerissen. Ich trag nur meinen Verlobungsring – der war mir zu groß, jetzt ist er vom Fahren eingedellt, jetzt passt er. Super Sache – eine billige Verkleinerung! (jetzt lachen wir alle) Nägel lackieren wär jetzt vollkommen sinnlos, als Teenager hab ich das manchmal probiert, aber das hält maximal 20 Minuten.

G.: Aber immerhin, Schuhe sind nicht so schwierig.

X.: Ja, außer offene Schuhe, da ist es blöd, weil meine Füße verschieden groß sind. Da brauch ich entweder zwei verschiedene Größen oder ich hab so halboffene Schuhe, da stopf ich beim kleineren Fuß einfach hinten einen Socken rein. Aber sonst ist es nicht schwer Schuhe zu finden, und ich hab sie ja auch immer sehr lange. Bis halt die Nähte aufgehen. Was mir noch einfällt: ein Spezialproblem sind Schuhe mit Absätzen. Die kann ich zwar tragen, ich hab aber dann oft Probleme beim Umsetzen, zum Beispiel am WC. Abendbekleidung ist generell schwierig.

G.: Ohrringe trägst Du glaub ich auch nicht, oder?

X.: Selten. Aber das ist eigentlich kein Problem, außer ich hab so lange, dass ich hängen bleib. Dadurch dass ich halt immer mehr vorgebeugt bin.

Y.: Bei Schmuck und Accessoires wär es halt wichtig, und das gibt es ja auch immer öfter, dass er aus gehärtetem Material gemacht ist. Damit es haltbarer ist, auch Uhren zum Beispiel. Das ist halt auch eine Preisfrage.

X.: Eine Sache fällt mir jetzt noch ein, weil es gerade regnet, von wegen verstärktes Material an den Unterarmen, das wär auch bei den Beinen an der Seite gut. Ich bin eigentlich immer waschelnass, wenn  es regnet.

G.: Was mir noch einfällt: in den Geschäften, mit den Kassen, das funktioniert für Dich? Weil  ich schon einmal gehört habe, dass zum Beispiel Bankomaten, für Körperbehinderte oft zu hoch angebracht sind?

X.: Bankomaten sind oft blöd, das stimmt, aber bei den Kassen funktioniert es, die meisten haben auch so eine Bankomatkassa an einem Kabel, die können sie mir einfach herüber geben. Ich hab einmal von einem Geschäft eine E-MAil bekommen, wo sie damit geworben haben, dass sie jetzt eine barrierefreie Kassa haben, ich hab aber dann für mich den Benefit nicht erkannt (lacht) – ich hab eigentlich nie Probleme gehabt an der Kasse, ich weiß nicht, was jetzt besser dran sein soll.

G.: Du bist ja von Geburt an körperbehindert, früher konntest Du aber auf Krücken gehen, wie Du mir einmal erzählt hast. Hast Du Dir da beim Einkaufen leichter getan? Oder war das vielleicht sogar schwerer, beim Shoppen, oder bei der Passform von Kleidung?

X.: Das ist jetzt eine gute Frage, aber ich kann mich erinnern, ich hatte auch da Probleme, zum Beispiel bei Hosen und Röcken, dass sie hinten immer zu kurz waren. Durch die generell etwas vorgebeugte Körperhaltung. Außerdem waren die Hosen natürlich alle zu lang, die waren immer nass und dreckig.

G.: Und beim Probieren? Konntest Du damals in Geschäften probieren, oder musstest Du auch schon alles mit nach Hause nehmen?

X.: Also, ich konnte es, hab es aber irgendwann aufgegeben, weil mit Krücken bist Du ja immer irgendwie instabil. Da ist es in einer Garderobe dann auch sehr schwierig, wenn Du nicht gscheit sitzen kannst. Du brauchst aber die Krücken, um stabil zu sein, da ist dann oft nicht genug Platz. Außerdem kann ich mich ja nicht mit einer Krücke halten und die andere zum Anziehen verwenden.

Y.: Was ich toll finden würde, wär wenn man bei Bekleidung generell mehr zuerst über diese praktischen Sachen nachdenkt, die sollen aber trotzdem gut aussehen. Zum Beispiel eben mit den Hosen, die bei X. im regen immer bis oben hin nass werden. Es gibt ja Materialien, die aussehen wie Jeansstoff, aber wasserabweisend sind. Für Motorradfahrer zum Beispiel. Man könnte ja prinzipiell Kleidung machen, die komplett wasserabweisend ist, die aber nicht wie Trekkingbekleidung oder so aussieht. Das ist wahrscheinlich aber eine Kostenfrage.

G.: Das ist generell wahrscheinlich machbar, wäre wirklich interessant, wie das preislich ausschauen würde.

Y.: Es gibt ja schon dieses chemische Zeug zum Imprägnieren, aber da leidet halt oft auch das Material darunter, das ist ja oft ziemlich aggressiv. Aber allein schon eine wasserfeste Hose, die aber ausschaut wie eine Jeans wäre eine super Sache. Einfach so gemacht, dass es unaffälig ist, und nicht wie Trekkingbekleidung oder überhaupt Sportbekleidung aussieht.

G.: Das wär generell für jeden interessant, ich mag ja auch keine Regenschirme, weil sie in der Stadt immer im Weg sind. Ich hab ja Regenjacken mit Kapuzen, das geht, aber die Hosen sind immer Waschelnass.

X.: Ich war ja kürzlich in Dublin, da haben sie mir bei Regen Motorrad-Hosen angeboten, da ist mir jetzt wieder eingefallen, worauf auch keiner achtet: ein Rollstuhlfahrer zieht sich anders an, als ein stehender Mensch. Bei so einer Motorradhose brauch  ich wahrscheinlich 40 Minuten, bis ich da drin bin, und genauso lang, bis ich wieder draussen bin. Und stell Dir vor, ich muss aufs WC (lacht) – dann kann ich von vorne anfangen. Und das ist ja beim normalen Gwand auch so. Ich rutsch ja ganz nach vor, und so ähnlich zieht sich jeder Rollstuhlfahrer an, obwohl jeder seine eigene Technik hat, damit die Füße am Boden sind, und dann ist die Sache, ich hab nur eine Hand frei. Mit der anderen muss ich mich ja abstützen. Ich muss also mehr oder weniger die eine Seite hochziehen, dann setz ich mich um und mach die andere Seite. Und da ist bei manchen Hosen das Problem dass ich sie gar nicht richtig erwischen kann. Für einen Rollstuhlfahrer wär es super, wenn man innen eine längere Schlaufe oder so anbringen könnte, damit mir die zweite Seite nicht entwischt. Ich seh ja oft gar nicht genau, wo ich hingreifen muss, ich muss mir die zweite Seite blind ertasten, und hochziehen. Und da ist es dann so, dass ich die zweite Seite sehr schwer erwische, oder, was mir auch oft passiert, dass ich das Teil dann anhabe, und es sitzt kompett schief. Das verdreht sich durch die Art des raufziehens nach allen Richtungen. Das spür ich aber nicht und sehe es erst, wenn ich glaub dass ich fertig bin. Wenn ich dann wieder richtig sitze, also eigentlich zu spät (lacht). Strumpfhosen zum Beispiel sind bei mir auch die Hölle, ich muss ja irgendwo reingreifen zum Hochziehen, die sind also immer oben recht schnell zerrissen. Unten hab ich dafür nie Laufmaschen. Es gibt keine Möglichkeit sich sanft anzuziehen im Rollstuhl.

G.: Wäre es für Dich vielleicht praktischer, bei einer Hose den Reißverschluss an der Seite zu haben, so einen durchgehenden vielleicht? Oder zum mittig Raufziehen und links und rechts zuzippen?

X.: Das glaub ich nicht, weil da müßt ich ja den unteren Teil auf den Rollstuhl legen und mich drauf setzen, und das würde auch nicht so einfach gehen. Da würd ich wahrscheinlich nie mittig draufsitzen. Auch wenn es nur einseitg wäre, das Einfädeln unten hätt ich ja trotzdem. Außerdem könnt ich ja mit einer Hand den Reißverschluß unten nicht einfädeln.

G.: Stimmt. Das ideale Kleidungsstück für Dich wär wahrscheinlich der Kaftan (lacht). Also ein wetterabweisender Wollkaftan der wasserundruchlässig ist

X.: Ja! (X. und Y. lachen auch)

G.: Jetzt hab ich wieder Dinge gelernt, an die ich noch nie im Leben gedacht hab. Schon gar nicht während meiner Ausbildung für Mode- und Bekleidungstechnik, das war leider nie ein Thema. Macht Dir generell Mode eigentlich Spass, oder ist das eher etwas, was so nebenher läuft, weil man halt was Anziehen muss?

X. (lacht): Es ist eher so nebenher. Ich hab keine Abneigung oder so, aber ich hab mich noch nie so besonders damit befaßt, wahrscheinlich aber auch  deswegen, weil es halt für mich Gewohnheit ist, einfach das zu nehmen, was am Praktischsten ist. Aus dem heraus hat es so einen neutralen Stellenwert für mich.

G.: Vielen Dank für das Gespräch!